Was das Gewicht der neuen Dachziegel mit dem alten Dachstuhl macht

Das Gewicht einer neuen Dacheindeckung ist keine Zahl aus dem Prospekt, sondern eine Last pro Quadratmeter, die sich erst aus Format, Kopf- und Seitenüberdeckung, Dachneigung und allem zusammensetzt, was zusätzlich auf Lattung und Konterlattung liegt. Genau deshalb wird aus einer Umdeckung regelmäßig eine Statikfrage, und die stellt man vor der Bestellung, nicht danach. Wer das Stückgewicht eines Ziegels für die Dachlast hält, plant gegen eine Zahl, die es auf dem Dach nicht gibt.

Ich habe im Herbst neben dem Gitterkorb gestanden, in dem die alten Biberschwänze lagen, und daneben auf der Palette die neuen Ziegel. Einen alten in die eine Hand, einen neuen in die andere. Erster Gedanke: kaum ein Unterschied. Genau da täuscht man sich. Der alte Ziegel ist klein und sitzt dicht in sich, der neue ist größer und flacher, und in der Hand fühlt sich das harmlos an. Die Hand fragt aber nicht nach Quadratmetern.

Der Ziegel in der Hand lügt ein bisschen

Auf dem Dach zählt nicht das Stück, sondern die Fläche. Kein Ziegel deckt seine volle Größe ab: Der Kopf verschwindet unter dem nächsten Ziegel, die Seite unter der Nachbarlage. Je nach Deckungsart liegt ein erheblicher Teil eines Ziegels unter dem nächsten – bei kleinen Formaten mit breiter Überdeckung mehr, bei großen mit knapper Überdeckung weniger. Was übrig bleibt, ist die Deckfläche. Und erst daraus ergibt sich, wie viele Ziegel auf einen Quadratmeter gehen.

Das führt zu dem Effekt, den ich am häufigsten erklären muss: Ein kleiner, dicker Ziegel mit viel Überdeckung kann pro Quadratmeter mehr wiegen als ein großer, flacher mit wenig Überdeckung, obwohl er einzeln deutlich leichter ist. Umgekehrt steigt beim großen Format das Stückgewicht, während die Last pro Quadratmeter ähnlich bleiben kann. Aus dem Stückgewicht allein lässt sich die Dachlast also nicht ableiten.

Deshalb spreche ich beim Vergleich nie über Kilogramm pro Ziegel, sondern über Kilogramm pro Quadratmeter fertiger Deckung. Diese Zahl steht im technischen Datenblatt, meist zusammen mit der zugehörigen Lattenweite, und wenn sie dort nicht zu finden ist, gibt sie der Dachdecker.

Überdeckung, Neigung, Format

Und dann kommt die Dachneigung dazu. Jede Ziegelart hat eine Regeldachneigung. Wird das Dach flacher, muss stärker überdeckt werden – mehr Ziegel pro Quadratmeter, manchmal eine zusätzliche Lage, oft Zusatzmaßnahmen im Trauf- und Firstbereich. Dasselbe Produkt, dasselbe Gebäude, andere Neigung: Die Last verschiebt sich. Wer zwei Angebote vergleicht und dabei nur die Ziegelart liest, vergleicht Äpfel mit Birnen, wenn auf dem einen Dach andere Deckungsdetails nötig sind als auf dem anderen.

Rohdichte und Druckfestigkeit sagen nur die halbe Wahrheit

Rohdichte beschreibt, wie viel Masse in einem Volumen steckt. Ein dichter Tonkörper und ein Zementstein liegen dabei nicht weit auseinander; der Betondachstein sitzt in aller Regel am schweren Ende, weil sein Körper dicht ist und die Formate groß sind. Innerhalb des Tons streut dagegen fast alles über Format und Dicke. Ein dünner, großer Ziegel und ein kleiner, kräftiger aus demselben Werk können auf demselben Dach ganz verschiedene Quadratmeterlasten ergeben.

Druckfestigkeit ist wieder etwas anderes. Sie sagt, wie viel der Ziegel aushält – beim Transport, beim Begehen, an der Nagelung. Ein druckfester Ziegel ist in der Regel auch ein dichter und damit schwerer Ziegel; das eine gibt es selten ohne das andere. Wer nach einem leichteren Ziegel derselben Marke fragt, landet fast immer bei einer Formatfrage, nicht bei einer Materialfrage.

Nebenbei: Ein nasser Ziegel wiegt etwas mehr als ein trockener. Das ist real, aber es ist nicht der Posten, mit dem man rechnet. Der Brocken kommt im Winter.

Was still mit auf die Sparren kommt

Hier wird es interessant, weil hier die Zahlen verschwinden. Auf die Sparren kommt nicht nur die Deckung:

  • Lattung und Konterlattung, dazu die Lattweite, die die Ziegel vorgeben
  • Unterspannbahn, bei manchen Aufbauten zusätzlich eine Schalung
  • Schneefangsysteme über der ganzen Trauflänge
  • Laufroste, Laufstege, Entlüftungen, Dachfenster
  • Montageschienen und Module, wenn Photovoltaik dazukommt
  • Blitzschutz, Antennen, Sonderbauteile

Jeder Posten für sich ist klein. In der Summe ist es der Teil, den ich am häufigsten unterschätzt sehe, weil er flächig wirkt und nicht an einem Punkt hängt. Ein Schneefanggitter entlang einer langen Traufe ist ein anderes Gewicht als ein Firstziegel.

Dazu kommt, dass die Latte, die eine schwerere Deckung trägt, in der Regel kräftiger ausgeführt wird – Querschnitt und Nagelung richten sich nach der Deckung. Das ist Handwerk des Dachdeckers, aber die kräftigere Latte liegt auf demselben Sparren wie vorher.

Der Vergleich lautet also nicht „alter Ziegel gegen neuen Ziegel“, sondern „alte Deckung mit ihrer Lattung gegen neue Deckung mit Lattung, Konterlattung und Zubehör“. Erst dieser Vergleich ist ehrlich.

Die Schneelastzone steht in keinem Ziegelprospekt

In Deutschland legen die Bauaufsichtsbehörden die Schneelastzonen fest; die Zahlen stehen in den Normen, das Verfahren ist nicht Sache des Bauherrn. Für den Dachstuhl heißt das: Er ist nicht für die Deckung allein bemessen, sondern für Deckung plus Schnee der Region, plus alles, was sonst noch dranhängt. In einem Gebiet mit hoher Schneelast ist ein Teil der Bemessung von vornherein verplant, in einem schneearmen Gebiet weniger. Dieselbe Umdeckung ist deshalb im Flachland eine Routineangelegenheit und im Mittelgebirge eine Frage, die jemand beantworten muss.

Was ich im Dachraum sehe – und was nicht

Ich klettere vor jeder Entscheidung einmal hinauf. Zu sehen sind: Querschnitt und Abstand der Hölzer, Holzart, Verbindungen, Verformungen, ausgewechselte Teile, Feuchtespuren, alte Nagelbilder, Insektengänge.

Nicht zu sehen sind: die tatsächliche Festigkeit des eingebauten Holzes, verdeckte Schäden in Auflagern und Anschlüssen, und vor allem nicht die Eingriffe, die niemand aufgeschrieben hat. Ein Kehlbalken, der vor zwanzig Jahren für einen Ausbau weichen musste. Eine Strebe, die einer Tür im Weg war. Ein stillgelegter Schornstein, eine nachträgliche Gaube. Nichts davon steht im Ziegelprospekt, und nichts davon sieht man vom Boden aus.

Ich mache beim Rundgang drei Dinge, die sich später bezahlt machen: Fotos mit einem Maßband im Bild, damit es einen Maßstab gibt. Lattenabstand und Sparrenabstand notieren. Und nachfragen, was am Dach in den letzten Jahrzehnten geändert wurde – nicht, weil ich es glaube, sondern weil es die Fragen eingrenzt, die der Statiker stellen muss.

Der Anruf

Die Statikfrage gehört in die erste Woche, nicht in die letzte. Mitbringen lässt sich das Wenige, das zählt: die geplante Flächenlast der Deckung als Kilogramm pro Quadratmeter, einschließlich Lattung und Zubehör, wie sie der Dachdecker oder das Datenblatt ausweist. Dazu die vorhandene Deckung, möglichst mit einer Angabe zu ihrem Gewicht. Ein Grundriss oder eine Zeichnung. Die Fotos aus dem Dachraum. Und die eine Frage, die man später teuer nachreicht: Soll in den nächsten Jahren Photovoltaik aufs Dach?

Denn Photovoltaik ist der Punkt, an dem eine Umdeckung oft kippt. Steht die Entscheidung an, fragt man sie einmal mit. Kommt sie zwei Jahre später, fragt man sie ein zweites Mal, mit einem fertigen Dach darunter.

Der Unterschied liegt nicht in der Zahl, sondern im Zeitpunkt. Ein Statiker, der vor der Bestellung gefragt wird, sagt entweder ja, oder er nennt eine Auflage, die in die Ausschreibung gehört. Wird dieselbe Frage drei Wochen zu spät gestellt, liegt die Deckung schon drauf und die Palette ist bezahlt – dann wird aus einer Planung ein Sonderfall.

Das Gewicht eines Ziegels ist eine Tatsache. Das Gewicht eines Daches ist eine Entscheidung, und sie fällt auf dem Papier.

Die Ziegelkinder

Die Ziegelkinder sind mit gebranntem Ton groß geworden – zwischen Ringöfen, Lagerstapeln und den Ziegeldächern der Elternhäuser. Heute wohnen sie in Häusern aus genau diesem Material und schreiben hier auf, wie sich Mauerziegel, Klinker und Dachziegel über die Jahre verhalten: Frost-Tau-Wechsel, Wasseraufnahme, Maßtoleranz und die Farbtöne von Charge zu Charge.